Der Ort
Die Jeevan-Schule liegt in Samneghat in Varanasi, im Bundesstaat Uttar Pradesh; Indien. Uttar Pradesh und der Nachbarstaat Bihar gehören z u den ärmsten Staaten Indiens. Viele Kinder der Schule gehören kastenlosen Eingeborenenstämmen (Adivasi) an, die aus der Grenzregion zwischen diesen beiden Staaten stammen. Ihre Eltern kommen in die Stadt, weil sie als Rikshawfahrer, Straßenkehrer, Tagelöhner oder Bettler mehr verdienen als ihr kleines Stückchen Land auf dem Dorf einbringt. Sie wohnen mit ihren Kindern am Straßenrand in notdürftig gebauten zeltartigen Hütten.

Die Kinder
Ungefähr 120 Kinder besuchen unsere Schule, davon sind 100 Kinder fast täglich anwesend. Die anderen Kinder kommen je nach Möglichkeit. Oft müssen sie mit der Mutter betteln gehen, auf kleinere kranke Geschwister aufpassen (die sie auf Grund der Krankheit auch nicht mit in die Schule bringen können), oder sie müssen mit ihren Eltern mitziehen, auf der Suche nach besseren Verdienstmöglichkeiten in anderen Städten.

Das Internat
Für besonders gefährdete Kinder haben wir ein Internat eröffnet, das mehr ist als eine Aufbewahrungsstätte. Alle unsere Kinder kamen zu uns mit vielfältigen traumatischen Erlebnissen im Gepäck – sexuellem Missbrauch, physischer Gewalt, Unterernährung, meist in Kombinationen, die einem die Tränen in die Augen treiben. Im Internat erleben die Kinder das erste Mal in ihrem Leben einen sicheren und gewaltfreien Ort, an dem sie sich selbst und friedlichen Umgang mit anderen entdecken können.
|
Die Schule
Die Schule ist kein Schulgebäude im eigentlichen Sinne. Es gibt einen ca. 12 qm großen Raum, in dem Küchenutensilitien, Lehrbücher, Schreib-materialien, Spielzeug der Kleinsten, Lernmaterial, Werkzeugkasten und noch einiges mehr aufbewahrt sind.
Der Unterricht selbst fand bis vor Kurzem ganzjährig draußen statt – bis zu 80 Kinder lernten, spielten und arbeiteten auf ungefähr 60 qm. Kaum vorstellbar, dass konzentrierter Unterricht so überhaupt möglich ist, aber unsere großartigen Kinder beweisen das Gegenteil!
Dennoch brauchen wir auf Grund der stetig steigenden Anzahl der Kinder und Lernmaterialien geeignete Räume. Im September 2010 werden wir sechs neue Räume beziehen, gegenüber unserer jetzigen Schule.

Die Klassenstruktur
Da viele unserer älteren Kinder das erste Mal eine Schule besuchen, sind unsere Klassen nicht altersorientiert, sondern die Kinder werden entsprechen ihres Wissensstandes einer Klasse zugeteilt. Das unterschiedliche Alter der Kinder, unterschiedliche Erfahrungshintergründe und Wissensstände stärken das Selbstverständnis, dass jeder anders – und auch anderes – lernt und kann, und dies nichts Negatives bedeutet. Die Kinder erfahren Hilfe und Unterstützung in der Gruppe, lernen, in der Gruppe zu lernen und arbeiten, Konflikte in angemessener Form auszutragen. Kinder, denen das Lernen sehr leicht fällt (bildungsorientierte Familie, Hochbegabung, Spezialbegabungen) können auf Wunsch die Klasse wechseln und “auf Probe” in einer höheren Klasse lernen. Dieser Übergang wird erleichtert durch die täglich stattfindende Freiarbeit, auf Grund derer die Kinder bereits gewohnt sind, mit allen Altersstufen in einem Raum Lernerfahrungen zu sammeln.
 |
Die Freiarbeit
Jeden Tag können die Kinder ein Stunde lang selbst entscheiden, was sie lernen möchten. Zuvor werden die Materialien aus dem kleinen Lagerraum nach draußen gebracht und je nach Fachgebiet auf der niedrigen Mauer aufgebaut. Das ist ein eingespielter Ablauf, bei dem stets Kinder anwesend sind und helfen. Zu Beginn der Freiarbeit versammeln sich alle Kinder still auf ihren Matten und werden einzeln in die Freiarbeit entlassen. Sie dürfen alleine, zu zweit oder in Gruppen arbeiten, mit selbstgewählten Materialien. Sind Kinder sehr unentschlossen, schlägt ihnen ein Lehrer mögliche Materialien vor. Eine Lehrerin ist stets damit beschäftigt, die Kinder zu beobachten und auf ihrem Freiarbeitsbogen zu notieren, mit welchen Materialien sie sich beschäftigen. Die Kinder der Klasse 3 & 4 notieren selbst, was sie jeden Tag arbeiten.

Der Unterricht
Um den Unterricht so ansprechend wie möglich zu gestalten, vermitteln wir Inhalte mit Hilfe verschiedenster Methoden. Eine große Rolle spielen hier Bewegung, Experimente, Musik und kreatives Gestalten. Unsere Lehrbücher, die wir entweder kaufen oder selbst herstellen, wählen wir anhand ihrer pädagogischen Qualität und Relevanz für unsere Kinder aus. Der Unterricht findet meist zweisprachig statt, auf Hindi und Englisch.
Die Bewertung
Die “Running Records” bieten den Lehrern/innen Platz, Beobachtungen festzuhalten und so einen Überblick über den Fortschritt und die Bedürfnisse des einzelnen Kindes zu bekommen. Jedes Kind besitzt eine eigene Akte, in der die Lehrer konkrete Beobachtungen bestimmten Indikatoren zuordnen können. Am Ende des Schuljahres entsteht daraus, unter Berücksichtigung anderer Leistungsnachweise und den Freiarbeitsbögen, der Jahresbericht
|
Die Freizeitgestaltung
Wir versuchen unseren Kindern in unserem sehr begrenzten Rahmen so vielfältige Freizeitangebote zu machen wie möglich. Sie können wählen zwischem indischen Tanz, Tabla oder kreativem Gestalten. Sobald es heiß ist in Varanasi sind Schwimmbadbesuche sehr beliebt. Während der großen Ferien im viel zu heißen Sommer haben wir 2010 das erste Mal gemeinsam einen Monat in den Himalayas Urlaub gemacht, mitten in der Natur. Die meisten Kinder haben das erste Mal in ihrem Leben Berge und Wälder gesehen.

|
Das Essen
Die Kinder bekommen am Morgen heißen Tee (im Sommer selbstgemachte Zitronenlimonade) und Obst. Während der Frühstückspause gibt es ein zweites Obstteil, drei Mal pro Woche auch ein Glas heiße Milch. Das Mittagessen ist durch eine Diätassistentin geprüft und für “sehr gut” befunden – es gibt jeden Tag entweder Joghurt oder Raita (eine indische Joghurtvariante) und Salat zur Hauptmahlzeit. Da einige unserer Schulkinder Vegetarier sind, bieten wir Fleisch- und Fischgerichte nur im Internat an. Während der gesamten Schulzeit und natürlich auch im Hostel steht den Kindern sauberes gefiltertes Trinkwasser zur Verfügung. |
Das Personal
Vor Ort arbeitet ein 15-köpfiges Team unter der Leitung von Sheelchandra Kujur und Kati Richter. Die Jeevan-Schule beschäftigt acht Lehrer, zwei Erzieher, und drei Köche, die sich rund um die Uhr um die Bedürfnisse der Kinder kümmern. Die Schulleiterin ist für die kontinuierliche Aus- und Weiterbildung der Lehrer verantwortlich. Aus finanziellen Gründen konnten dringend notwendige Neueinstellungen (Psychologe/in, zusätzliches Lehrpersonal, Kochhilfe) bislang noch nicht vorgenommen werden.
 |